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ZWISCHEN ZWEI WELTEN – INTERVIEW MIT REGISSEUR LAURENT KING

Eine Sony DCR-TRV320, erinnert sich Laurent King, muss es gewesen sein, mit der er seine Leidenschaft zum Filmen entdeckte. Keine gute Kamera, aber gut genug zum Lernen. „Für die ersten Schritte ziemlich ok“, meint King. Ähnlich spricht er über Arbeiten, die er für Levi’s, BMW, Renault und Perrier geskriptet hat – Werbung halt, aber ganz ok, um die technischen Basics des Films kennenzulernen. Nach seinem Abschluss an der National Film School in Prag, führte King Regie bei verschiedenen Agenturen, bewarb Autos, Pizza und Parfum. Mittlerweile arbeitet er lieber frei. Es sei schöner eine Geschichte erzählen zu können, als einem Produkt schmeicheln zu müssen.

In seinem neuen Kurzfilm, Somebody Else, erzählt King die Geschichte eines jungen Chinesen, der als Wagenmeister in einem luxuriösen Hotel arbeitet und ständig mit zwei Welten konfrontiert ist. Tagsüber lebt er unter sozial- und wirtschaftlich prekären Umständen, nachts bedient er die Chinesische Jet-Set-Society. Der Anblick von „Gucci-Malls neben Wellblechhütten“, so beschreibt King, biete sich einem in vielen großen Städten Chinas. In „Somebody Else“ passiert dann so etwas wie ein Zufall. Eine Verwechslung ermöglicht es dem Protagonisten, einen Blick in die Welt zu werfen, die er sonst nur von außen kennt. Der Preis dafür: eine kurze Zeit muss er seine Identität verheimlichen.

Im Interview mit Material Girl, kurz vor seinem Screening beim Interfilm-Festival Berlin, spricht Regisseur Laurent King über seinen neuen Kurzfilm, die Kunst beim Zuschauer Emotionen auszulösen und über die Analogien zwischen Film und Fake.

MG: Laurent, in „Somebody Else“ geht es um einen jungen Mann, der verwechselt wird. Er nutzt seine Chance, um aus seiner Welt auszubrechen und gibt vor ein Anderer zu sein. Digital passiert das heute relativ oft. Man nennt es „Fake“. Sehen Sie einen Unterschied zwischen dem „Fake“ und der „Lüge“?
Laurent King: Ja, da ist ein Unterschied, denke ich. Vielleicht könnte man sagen, Faken ist Lügen mit Erlaubnis. Faken ist akzeptiert. Im Film ist es noch einmal etwas anderes. Weder faked der Protagonist, noch lügt er. Ihm werden keine Fragen gestellt, auf die er mit falschen Aussagen antwortet. Er ist eigentlich gar nicht aktiv. Der Identitätsbluff passiert einfach.

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Und schon sitzt der Protagonist mit einem wohlhabenden Mädchen, Mei, im Auto, das er eigentlich in die Garage hätte bringen müssen. Er rast mit ihr durch das nächtliche Shanghai. Paradoxe dabei: sie erzählt ihm, wie unecht sich die Gesellschaft anfühlt, in der sie sich täglich bewegt. Gibt es in jeder Gesellschaft akzeptierte Lügen?
Wahrscheinlich. Ich wollte, dass der Protagonist erkennt, dass sowohl in seiner, als auch in der „sozialen Klasse“ zu der er sich selbst gern dazuzählen würde, geschummelt wird. Er probiert wie es sich anfühlt ein anderer zu sein, während Mei sich vorstellt, eine andere zu sein.

Meis Wunsch bleibt trotzdem ein „simples, ehrliches und klares Leben“. Schwierig, wenn alle schummeln, oder?
Naja, es ist schon möglich, so ein Leben zu führen. Es muss nur jeder die Fakes und Lügen kennen und akzeptieren. In Teilen passiert das in der chinesischen Kultur. Es ist eine weniger rebellische Kultur als zum Beispiel die Französische. Man nimmt den Bluff hin.

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Die chinesische ist eine stille Kultur?
Ich will nicht generalisieren, aber ja, viele Menschen dort neigen zu einem ruhigen und zurückhaltenden Charakter.

Ist das ein Problem beim Schauspielern?
Da hat man eher mit dem Gegenteil zu kämpfen. Wir haben in den Castings viel theatralische, überzogene Gestik und Mimik gesehen. So eine Attitude hätte dem Film nicht gut getan. Es brauchte zwischen der ganzen Konfrontation und den Konflikten eine harmonische, ausgeglichene Atmosphäre zwischen den Schauspielern.

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Wie kreiert man so eine Atmosphäre visuell?
Film ist eigentlich auch ein großer Fake. Man muss sich deswegen auf die kleinen Details konzentrieren, damit die Illusion perfekt wird und Emotionen geweckt werden können. Es ist eine komplett artifizielle Sache. Am Set fühlt sich alles gekünstelt an. Doch am Ende muss es ganz natürlich wirken. Der Zuschauer soll das Gefühl haben, die Geschichte sei echt. Er muss denken, dass er „Leben“ gesehen hat, auch wenn das Gezeigte eigentlich vollkommen konstruiert war.

Als Regisseur musst du fähig sein, dir das schon im Casting- und Produktionsprozess vorstellen zu können. Braucht man dazu ein lebhafte Phantasie oder ein lebhaftes Leben, aus dem man schöpft und das man künstlerisch neu verpackt?
Für mich ist es ist die Phantasie. Es gibt einen Film, mit folgendem Prolog: Du bist 20 und das Leben scheint lang und unbegrenzt. Deine Phantasie zeigt dir tausend Wege, die du gehen könntest. Dann wirst du 30 und du hast Entscheidungen getroffen, einige Lebenswege haben sich dadurch verschlossen. Mit 40 hast du Angst. Das Leben scheint dir klein und du fühlst dich gefangen. Und dann mit 50 merkst du, dass es nie darauf ankam all deine Phantasien zu leben, sondern all deine Phantasien zu behalten. Egal, wie viele Entscheidungen du getroffen und Wege du verbaut hast. Das ist die Kunst!

Text Clara Becking
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1982 startete das Interfilm-Festival Berlin als Super-Acht-Filmfest in Kreuzberg. Bis heute werden jährlich aus circa 6000 eingereichten Kurzfilmen 600 für einen Screening-Platz ausgewählt und haben Aussicht auf ein Preisgeld und die Aufmerksamkeit eines internationalen Publikums.

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