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ÜBER DEN URSPRUNG: EIN GESPRÄCH MIT NACHWUCHSDESIGNERIN JULIA SEEMANN

Manchmal kann gerade eine Aneinanderreihung von Zufällen zu ganz ausgezeichneten Ergebnissen führen, quasi aus dem Nichts plötzlich etwas ganz Großes schaffen. Die Schweizer Designerin Julia Seemann lud 2014 nach ihrem Abschluss am Institute of Fashion Design in Basel ihre Entwürfe auf der Online-Plattform VFiles hoch, wurde prompt zum Präsentieren als Teil der hauseigenen Runway-Show in New York eingeladen – und schnurstracks in die Modewelt katapultiert. Es folgten Rihanna als Trägerin und so einige hellhörige Ohren, die Julia Seemanns visueller Sprache seitdem interessiert lauschen. Nun hat die Nachwuchsdesignerin ihre Herbst/Winter 2017-Kollektion auf der Berliner Fashion Week gezeigt, voller Workwear-Elemente und Einflüsse auf den 80er Jahren, die sich mit ein bisschen Grunge und Lackleder zur modischen Kettenreaktion treffen. Wir haben mit Julia Seemann einen Blick auf Anfänge jeglicher Art geworfen – in der Inspiration, der Arbeit und dem erfolgreichen Start des eigenen Labels. Wer braucht da schon noch einen Master-Plan?

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Auf der Berlin Fashion Week hattest du gerade deine erste eigene Runway-Show. Wie hast du die Vorbereitungen wahrgenommen?

Sehr stressig. Eigentlich hatte ich gar nicht geplant, so eine große Kollektion zu entwerfen. Als ich dann aber gefragt wurde Teil der Berliner Fashion Week zu sein, wollte ich diese Chance natürlich wahrnehmen. Und weil man für eine Runway Show eine bestimmte Anzahl an Outfits braucht, musste dann alles sehr schnell gehen.

Dein Debut als Designerin hast du erst 2015 als Teil von VFiles in New York gegeben – wie war der Start für dich?

Das ist damals alles sehr spontan passiert, die Kollektion, die ich bei VFILES gezeigt habe, war eigentlich meine Diplomkollektion, die plötzlich auf den Laufsteg sollte. Es ist dann ziemlich viel auf einmal passiert, Rihanna hat eines meiner Outfits getragen, dadurch kamen natürlich einige Interviewanfragen und sehr schnell sehr viel Aufmerksamkeit. Ich war damals zwar nur fünf Tage in New York, die haben sich aber angefühlt wie drei Wochen.

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Hattest du denn vor, dich als Designerin selbstständig zu machen?

Eigentlich hatte ich nicht geplant, schon mein eigenes Label zu starten, ich war auch gar nicht darauf vorbereitet. Ich war aber an einem Punkt, an dem ich quasi anfangen musste, weil nach der Show direkt Bestellungen für meine Kollektion kamen. Finanziell war und ist es aber, wie bei eigentlich jedem Jungdesigner, sehr schwierig.

Nach New York hat es dich erst mal nach London verschlagen, nun nach Berlin – in welcher Stadt siehst du deine Mode am ehesten?

London wäre wohl am passendsten. Der Vibe meiner Kollektionen ebenso wie meine Inspirationsquellen passen einfach sehr gut zu der Stadt. Obwohl durch die heutige Globalität ja eigentlich jeder Designer in jeder Stadt zeigen könnte, es gibt ja immer überall jemanden, der aus dem Muster fällt.

Wie würdest du den Vibe deiner Kollektionen beschreiben?

Was mich immer besonders interessiert ist der Ursprung von Dingen, zum Beispiel von Musik- oder Kunstrichtungen. Das versuche ich in meine Kollektionen mit einzubringen, genauso wie Elemente aus der Streetwear.

julia-seemann-08Welche Ursprünge waren das bei deiner aktuellen Kollektion?

Thematisch habe ich viel über die 80er recherchiert, über die Dark Wave Szene zum Beispiel. Außerdem habe ich mich auf den Ursprung von Kleidungsstücken fokussiert und auf alltägliche Kleidungsstücke. Teile wie Hemden, Longsleeves oder Lederjacken, die in eigentlich jedem Kleiderschrank zu finden sind, aber nicht so oft im modischen Kontext verwendet werden. Diese Stücke wollte ich neu interpretieren.

Für deine letzte Kollektion hast du mit dem Künstler Ramon Hungerbühler zusammengearbeitet – gibt es eine andere Person oder Marke, mit der du in Zukunft gerne kooperieren würdest?

Mich würde das Zusammenarbeiten mit Marken, die eigentlich gar nicht aus dem Modekosmos stammen, sehr reizen. Zum Beispiel Sport- oder Outdoorbrands. Wenn man als Modedesigner ein bestimmtes Kleidungsstück entwickelt ist es einfach toll Firmen an der Seite zu haben, die mit diesem Produkt schon immense Erfahrung haben.

Klingt ein bisschen nach dem Vetements-Prinzip.

Ja, diesen Ansatz finde ich super und auch sehr sinnvoll. Davon profitieren schließlich nicht nur beide Seiten, sondern auch das Kleidungsstück, weil man das bestmögliche aus dem Produkt rausholen kann.

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Dieses Zusammenbringen von verschiedenen Bereichen und Mischen von Kontrasten zieht sich auch durch deine Kollektionen, sei es bei den Farben, Mustern oder Stoffen.

Ich finde es einfach gut, verschiedenen Vibes zu mixen. Wenn ich meine Inspiration nur aus einer Richtung beziehen würde, wäre mir das zu platt. Durch diese Mischung versuche ich, eine gewisse Vielschichtigkeit zu erzeugen. Meiner Meinung nach ist das sehr wichtig, besonders wenn man hauptsächlich mit Stücken arbeitet, die sonst eher klassisch sind. Mich treibt es immer wieder an verschiedene Richtungen zu kombinieren.

Gibt es dabei eine bestimmte Arbeitsweise, nach der du vorgehst?

Zu Anfang mache ich immer sehr viel Bildrecherche, fast einen Monat lang. Daraus entwickeln sich dann ein Moodboard und die Eckpunkte, die mich interessieren. Ich bin ein sehr visueller Mensch und muss die Dinge immer direkt vor mir sehen.

Apropos Moodboard: Kannst du uns deine Kollektion noch einmal mit ein paar Assoziationen beschreiben? Was wäre sie als…

Song? Xmal Deutschland – Incubus Succubus

Film? Only Lovers Left Alive

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Kunstgattung? Russische Avantgarde

Stadt? London

Schriftsteller? Bukowski

Geruch? Etwas Herbes

Architekturstil? Bauhaus

Ort? Ein heruntergekommener Bandraum im Keller

Wort? Zu viele

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Von Trisha Balster

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