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DIE ZURÜCKEROBERUNG DER STREETWEAR: EINE POPKULTURELLE BELEUCHTUNG

Die Streetwear ist auf den Radar der High Fashion zurückgekehrt – und mehr noch: Derzeit ist sie das bestimmende Moment, Ende nicht in Sicht. Dort, wo früher klar gezogene Grenzen die ästhetischen Codes und Ausdrucksmittel der beiden Disziplinen Streetwear und High Fashion definierten, entziehen sich Designer und Labels zunehmend bewusst jeglicher Kategorisierungen. Beide Welten vereinen sich und finden unerwartete Wege einer Durchdringung auf Augenhöhe. Ein ungewohnter Nebeneffekt: Die Streetwear, im klassischen Sinne Kleidung von und für die Straße – bislang beherzt ausgeklammert vom enger gefassten, elitären Begriff der Mode – erobert die Laufstege, bis hin zu den Traditionshäusern.

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Besonders die Fashion Weeks der vergangenen Wochen offenbarten das neue Credo der Designer: Streetwear everywhere! Ob New York, London, Mailand oder Paris – selbst Traditionshäuser wie Miu Miu, Tod’s und Etro präsentierten Daunenjacken und Windbreaker, Louis Vuitton Zweiteiler mit Anleihen von Trainingsanzügen und Maison Martin Margiela lieferte in seiner Amerika-inspirierten Kollektion dekonstruierte Baseball-Jacken und Trackpants. Sogar Chanel präsentierte T-Shirt mit Astronauten-Print zu Kapuzenhoodie. Nur Dior unter Maria Grazia Chiuri zeigte sich verhaltener. Workwear Suits, ungewaschenes Denim und Baskenmützen aus Leder waren die wenigen Elemente, die man mit der Streetwear in Verbindung bringen konnte. Zuvor hatte vor allem ihr Vorgänger bei Dior, Raf Simons, die Streetwear wieder salonfähig gemacht. Sein Film für Dior Homme AW16 markierte den Höhepunkt und entstand in Zusammenarbeit mit Larry Clark, der Ikone der Jugend- und Streetkultur. Darin zu sehen: Schlaksige junge Männer, die in edlen Anzügen, Bomberjacken, Springerstiefeln und Turnschuhen des Hauses durch Paris skaten. Bereits Gucci, eigentlich Inbegriff für den glamourösen Jet Set der oberen Zehntausend, ließ im vergangenen Sommer Models durch Berlin boarden – und traf damit einen Nerv.

Mitverantwortlich für die Hinwendung der High Fashion zur Straße war sicherlich Vetements. Das Modekollektiv um Demna Gvasalia liefert bereits seit der ersten Kollektion dekonstruierte Next-Level-Streetwear und trieb den Ansatz vor knapp einem Jahr auf die vorläufige Spitze: Sämtliche Entwürfe entstanden in Zusammenarbeit mit anderen Labels, darunter viele High Fashion-Häuser wie Brioni, Comme des Garçons und Manolo Blahnik. Die typische Streetwear-inspirierte Ästhetik setzt Gvasalia auch als Creative Director bei Balenciaga fort. In Paris schickte er die Models jetzt in schräg geknöpften Windbreakern und asymmetrischen Daunenjacken über den Laufsteg, bevor er das 100. Jubiläum des Hauses mit spektakulären Couture-Kleidern beendete. Aber auch andere High Fashion-Newcomer wie Off-White, Nasir Mazhar und Alex Mullins dehnen die klassischen Genrezuordnungen. Das Beleihen der Streetwear durch die High Fashion ist dennoch keinesfalls ein neues Phänomen: Bereits im Jahr 1960 nahm Yves Saint Laurent die Inspiration für seine Couture Kollektion für Christian Dior mit dem Namen „Beat“ von Jugendlichen und Existenzialisten, die an der Pariser Rive Gauche abhingen. Versehen mit seiner eigenen Vision von Modernität sorgten die Entwürfe für einen Skandal – und ebneten den Weg für Laurents Platz in der Modewelt.

 

Genauso gut lässt sich der Spieß umdrehen: Die Streetwear bedient sich seit mehr als zwanzig Jahren großzügig bei der High Fashion, setzt dieses Prinzip aber mit einem größeren Augenzwinkern um. Stüssy eignete sich das ikonische Doppel-S-Logo bereits in den 90er Jahren als freche Hommage an Chanel an und legte es im vergangenen Jahr neu auf. Die 2015 mit Kiko Kostadinov lancierte Kollektion trug gar Couture-ähnliche Züge – und zählt zu den erfolgreichsten Kollaborationen des Labels überhaupt. Entsprechend war sie binnen weniger Augenblicke ausverkauft. Kanye West formuliert als Einflüsse für Yeezy vor allem Martin Margiela und Helmut Lang und schuf damit einen neuen, viel zitierten Look. Heutzutage möchten Streetwear-Labels die Grenzen starrer Kategorisierungen überwinden und folgen damit einem stärker werdenden Verlangen ihrer Zielgruppe nach konzeptuelleren Ansätzen als bloß Logo auf Hoodies und T-Shirts. Unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang erneut keinesfalls Raf Simons, der bereits seit seinen ersten Kollektionen Ende der 90er Jahre eine gehörige Portion sophisticated Glamour in die Kleiderordnung der Straße bringt. Unvergessen ist eine seiner ersten Präsentationen für die SS 1998 Kollektion „Black Palms“. Oversized geschnittene Anzüge schraffierte der junge Designer zu typischen Chiffren der Jugendkultur wie dem Antifa-Zeichen oder Plattencovern der Punkszene auf enganliegenden Shirts hagerer Skater und ließ sie von rauhen New Wave- und Techno-Hits begleiten.

Die neuerliche tiefgreifende Abhängigkeit beider Disziplinen liegt vor allem in zwei zentralen Phänomenen begründet, lässt man die demokratisierenden Effekte des Internets beiseite. Entgegen der allgemeinen Annahme, Mode erfinde sich nicht mehr neu, sondern wiederhole sich in einer ewig währenden Schleife, sorgt die gesellschaftliche Umwelt der Mode, oder vielmehr jene der Designer, eben doch für eine neue Herangehensweisen an das Sujet und entsprechend neue Spielarten. Designer waren schon immer das Produkt ihrer sozialen und kulturellen Umgebung und so sind die Designer von heute vor allem mit Grunge, Grime, Techno und Hip Hop aufgewachsen, in sowjetischen Vororten, in Skate Parks, auf Fußballfeldern und mit modischen Ikonen wie Tommy Hilfiger, Champion und Fruit of the Loom. Diese kulturellen Faktoren unterschieden sich massiv von denjenigen der vorangegangenen Designer-Generation. Entsprechend werden Kategorien nun aufgeweicht und alte Konzepte von Mode langsam auseinandergenommen und abgewandelt. „Fashion became pop“ sagte Raf Simons in seinem vielbeachteten Interview für das System Magazine zu Cathy Horyn – eine natürliche Entwicklung in der weiten und vielgesichtigen Welt der Pop-Kultur und Mode.

 

Auf der anderen Seite ist da die stärker werdende kollektive Faszination für Streetwear und Streetwear-Brands in einer Zeit, da Subkultur und politische Bewegungen der Jugend fehlen. Die meisten Menschen brauchen grundsätzlich etwas anderes als sich selbst, dem sie sich zuordnen können, um sich vollständig zu fühlen. Das können Familie, Freunde oder ein Sportverein sein, aber eben auch eine Marke – oder präziser ausgedrückt: das Ideal, Lebensgefühl und die Kultur, die Marke und Designer verkörpern. Kleidung repräsentiert seit jeher diese Zugehörigkeit zu einer ideellen Gruppe und erzählt unter der materiellen Oberfläche von Werten, Weltbildern und Persönlichkeit. Streetwear-Marken füllen die Leerstelle am authentischsten mit Attitüde, mit etwas Identifizierbarem, und kreieren eine kreative Gemeinschaft, der junge Erwachsene angehören möchten. Die Streetwear ist greifbar, demokratisch, bietet Authentizität. Sie entspricht genau deswegen dem Zeitgeist und ist essentiell geworden, vor allem für die High Fashion, die ihrerseits zeitgemäß sein sollte, um heute zu funktionieren.

Von Lola Fröbe

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