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„RACHE IST NICHT WEIBLICH“ – INTERVIEW MIT DEN REGISSEUREN HANS VERCAUTER & FRANCOIS MERCIER

Szene in einem Badezimmer: An der Wand hängen gerahmte Malereien, die Fenster sind noch geschlossen, draußen hört man Vögel. Vielleicht ein Sommermorgen. In einer seichten Bewegung schweift die Kamera durch den Raum und bleibt an einer jungen Frau hängen. Sie betrachtet sich im Spiegel. Erst fragend, dann lasziv, zuletzt unentschlossen. Bevor ihr Ausdruck sich ein weiteres Mal verändert, verschwindet die Frau. Zurück bleibt ihr unsicheres Spiegelbild. Ein surrealer Moment.

Was hier in einem Berliner Kino die Gedanken des anwesenden Publikums durcheinanderbringt, ist die neuste Arbeit des Regisseuren Duos „Helvetica“. Seit ein paar Jahren arbeiten Hans Vercauter und Francois Mercier nun schon zusammen. Sie produzieren Werbungen für Ikea oder Mastercard, interpretieren aber auch eigene Independent-Filme. Mit ihrer neusten Geschichte „Vali“ sind sie in der Kategorie „Sex Games & Love Rules“ des Berliner Interfilm-Festival nominiert. Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich an ihrem Liebhaber rächt.

Kurz vor ihrem Screening sprechen Helvetica mit Material Girl über „Vali“, ihre Zusammenarbeit als Regisseure und über den cineastisch inszenierten Stereotyp der sich rächenden Frau.

Ihr arbeitet nun schon etwas länger zusammen. Wie lernte sich Helvetica kennen??

Francois Mercier: Ich war Produzent bei einem von Hans Filmen. Ein Desaster. Ohne meine Hilfe wäre es eines geblieben.

Hans Vercauter: Wie bitte?

Francois Mercier: Ach Quatsch – ich engagierte Hans für Lovofilms, mein Film-Label. Wir arbeiteten eine Zeit lang unabhängig voneinander. Bei der ersten gemeinsamen Produktion merkten wir dann – unsere Arbeit passt gut zusammen.

Hans Vercauter: Ja, das kommt der Realität näher.

Euer letzter Kurzfilm wird nun bei Interfilm gespielt. Wer hat „Vali“ geskripted?

Francois Mercier: Es ist eine gemeinsam entwickelte Geschichte.

Hans Vercauter: Die ersten Ideen drehten sich um diese junge Frau, die ihren älteren Liebhaber verlässt. Während wir die einzelnen Handlungsstränge aufbauten, suchten wir nach ähnlichen Storys. Dabei merkten wir: Viele der Geschichten bauen sich um das Moment der Rache auf. Das fanden wir spannend! Zuletzt entschieden wir uns, die neu entwickelte Geschichte inhaltlich mit einem alten Mythos zu verweben.

Francois Mercier: Den des skandinavischen Rachegotts Wali. Es gibt eine Menge Parallelen zu diesem Mythos. Nur, dass wir Wali zu Vali, einer weiblichen Figur werden ließen.

Hans Vercauter: Francois und ich spielen in unseren Filmen gern mit surrealen Twists. Das sollte auch bei Vali der Fall sein. Sie ist eine Figur, die nur für einen Tag geschaffen ist. Es gibt Vali nur, weil sie Rache üben soll.

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Francois Mercier: Wali, der Gott aus dem Mythos wurde ebenfalls an einem Tag erschaffen. Das war das erste Zeichen!

Hans Vercauter: Und dann fanden wir Camilla Lehmann, die dänische Schauspielerin, der unsere Figur Vali wie auf den Leib geschrieben schien. Zweites Zeichen!

Valis Charakter erinnert an Chloé aus dem gleichnamigen Film von Atom Egoyan (2009). Beide Frauen teilen ein paar Charakterzüge. Sie sind schön, wirken naiv und sind doch auf eine Art und Weise hart und kaltherzig. Unschuldige Racheengel. Passt diese Beschreibung auf Vali?

Francois Mercier: Vali ist nicht naiv. Sie sieht die Welt aus einer phantastischen Perspektive. Das heißt nicht, dass sie zwingend kindlich oder unbedarft ist.

Hans Vercauter: In einer Szene nimmt Vali eine Schnecke hoch. Ihre Fühler fangen an zu leuchten. Das ist so ein Moment, in dem ich nicht von Naivität, sondern von surrealer Fantasie sprechen würde.

Warum wird die Rache häufig von weiblichen Protagonisten dargestellt?

Hans Vercauter: Rache ist nicht weiblich. Beide Geschlechter sind geeignet, um sie darzustellen. Mein letzte Film „Wolfsmilk“ erzählt die Geschichte zweier sich aneinander rächender Brüder. Ich würde sagen: auffälliger ist, dass die feminine Rache sehr konzipiert ist und es eine „starke“ Frau braucht, um diese umzusetzen. Damit möchten wir in „Vali“ brechen. Vali beherrscht die Rache. Dennoch ist sie unsicher, manchmal kindlich, träumerisch und unsicher über ihre Handlung.

Während Marco, Valis Liebhaber, schläft, stielt sie einige Sachen. Einen Pass, Geld, eine Uhr. Was hat sie mit den Dingen vor?

Hans Vercauter: Es geht nicht wirklich um sie. Vali stielt diese Dinge nicht für sich, sondern für Marcos Frau. Der Moment des Stehlens ist denen der phantasievollen Momente konträr. Es zeigt sich, dass Vali eine ganz klare Intention hat. Ihre Handlungen sind geplant.

Geplant wirkt auch das Framing des Films. Jedes Bild könnte auch ein Foto sein.

Hans Vercauter: Center-Framing ist ein filmisches Element, das wir sehr gern benutzen.

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Francois Mercier: Wir sind beide Fotografen. Wir inszenieren Stillleben und lassen sie im Film zum erwachen.

Durch eure Inszenierung bekommt Vali so ein starkes Auftreten. Ist sie eine starke Frau?

Hans Vercauter: Vali steht mit sich selbst im Konflikt. In der letzten Szene verlässt sie das Haus und ständig wechselt ihr Ausdruck. Sowie auch in der ersten Szene. Sie steht vor dem Spiegel. Weiß nicht, was sie fühlen soll. Sie probiert, zwischen der „Schwarz-Weiß-Situation“, in der sie sich befindet, ein Grauton zu sein.

Francois Mercier: Vali könnte man als ein Konglomerat vieler Charaktere beschreiben. Ich mag starke weibliche Protagonistinnen und Valis Figur besitzt ein paar Charakteristika der Frauen, die mich umgeben. Aber sie bleibt eine schemenhafte Figur.

Mit diesem Gefühl verlässt man das Kino. Der Zuschauer bleibt mit einem diffusen Gefühl zurück.

Hans Vercauter: Ja, das Motiv der Rache, was wir in „Vali“ inszeniert haben, sollte ein diffuses Gefühl sein. Rache fühlt sich vielleicht erst gut an, aber sie bleibt etwas Ambivalentes.

Francois Mercier: Man darf zögern, ob sich Rache wirklich langfristig gut anfühlt.

Fotos via Helvetica
Text von Clara Becking

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