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TREASURE OF THE WEEK: ANNE KARINE THORBJØRNSEN

Wer an Modedesign denkt, denkt an Kleidung, an Stoff, an Körper und die Relation zwischen all diesen Bestandteil. Manchmal wird der Gedanke mit Kunst und Kultur verknüpft, manchmal mit der Marke und ihrem Image. Im Fall von Anne Karine Thorbjørnsen jedoch treffen die wenigsten dieser Assoziationen zu: Bei ihren Entwürfen geht es um Gewebe und Gewicht, um Form, Bewegung und Ausdruck.

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Die finnische Absolventin des Central Saint Martin Colleges in London lernt das Handwerk der Schneiderkunst und des Modedesigns in ihrem Bachelor Studium von Grund auf um es dann bei ihrem Master-Abschluss 2012 gegen sich selbst einzusetzen. Anne Karine Thorbjørnsen kanalisiert die Perfektion ihrer Profession zu vermeintlich unvollendeten Kleidungsstücken in in sich abgeschlossenen Kollektionen. Sich wiederholendes Motiv ist die Drapage – nicht griechisch-antik, elegant fallend oder stereotyp weiblich – sondern rau und „misskonzipiert“, wie sie es selbst nennt. Der Körper, der Komfort und die Trageerfahrung stehen an zweiter Stelle, hinter dem Stoff selbst und seiner skulpturellen Wirkung. So entsteht Kleidung, die nicht zwangsläufig an den Menschen gebunden ist, sondern als individuelles Ausstellungsstück, als Kunst, in ihren Home-Vorstellungen funktionieren kann. Anne Karine Thorbjørnsen sieht sich selbst nicht als Künstlerin, aber auch nicht als Modedesignerin.

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Fakt ist, sie produziert beides: Exponate und Kleidung. Die Nutzung variiert und bestimmt die Existenz. Unter dem Mode-Design-Aspekt erinnern die Teile ihrer aktuellen Kollektion „FFOLDS“ an die Verbindung von J.W.Anderson’schen experimentellem Materialmix und der rohen Drapage-Kunst einer früheren Rei Kawakubo. Knoten, Bindungen, Falten, Flächen, Volumen. Sie lässt den Stoff für sich selbst arbeiten und gibt ihm eine Richtung, ohne ihn in eine Form zu zwingen. Thorbjørnsen nennt es: „The Love of Unforced Beauty“. Ihre Inspiration sind Londoner Straßenszenerien, Vergessenes, Verlassenes und Weggeworfenes. Das Resultat sind asymmetrische Silhouetten zwischen lässig-lockerem Fall und steif-akzentuierten Details. Um auf den Kunstbegriff zurückzukommen: Ihre Pieces wirken durch offene Nähte, Cut-Outs, inszenierter Provisorien mit Tape und ihrer Kollage-artigen Arbeitsweise wie ein Non-Finito aus Michelangelos Renaissance. Beabsichtigt unvollendet.

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Von Nele Tüch