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EMMA CZERNY AKA MAGIC ISLAND BEFASST SICH IN IHRER MUSIK MIT DER FRAGE NACH EMOTIONALER EXISTENZ

Magische Momente geschehen auf dieser Welt – zumindest in dem Mikrokosmos von Emma Czerny. Für die kanadische Sängerin dreht sich alles um die kleinen Dinge im Leben. In ihren Augen sind sie die wundersamsten und ehrlichsten. Als Magic Island entführt sie in die Sphären ihres verträumten Elektro-Pops. Ein sonderbarer leicht dahinschwebender Schlafzimmer-Sound, getragen von charakteristischen Synth-Melodien. Die Wahl-Neuköllnerin mit dem platinblonden Bob beschreibt sich selbst als ein Kind. Berlin ist ihr Spielplatz, auf dem ungebremst experimentiert wird. Emma hat sich das Kindliche bewahrt, aus dem aller Drang entspringt. In ihren Lofi-Produktionen verwischen die Grenzen von Realität und Fantasie, spielerisch und ungekünstelt nähert sie sich ihrer tiefsten Gefühlswelt und trägt diese auf authentisch rohe Weise an die Oberfläche ihrer Musik. Genau diese puren ungezügelten Emotionen sind es, die zum Kindlichen gehören. Der erwachsene Teil in Emma reflektiert und befindet sich in einem Wachstumsprozess des kontinuierlichen Verarbeitens. Das Ergebnis: Auf ihre EP „Wasted Dawn“ und die Single „Shepherd“ folgt im Januar ihr erster Longplayer „Like Water“. Wir haben mit Magic Island über den Schaffensprozess ihres neuesten Werkes gesprochen und sind dabei in tiefgründige Gewässer getaucht, die einen sanft wieder auftreiben lassen.

Erzähl mir von Deinem bevorstehenden ersten Studioalbum. Was erwartet uns? Ist es so fließend, klar und sanft, wie man es mit dem Titel „Like Water“ assoziiert?

Für mich dreht sich dieses Album um Wachstum, organische Bewegungen und ihre Fähigkeit zu existieren und sich zu entfalten, manchmal ohne es zu bemerken, in etwas Wunderbares, ein Extrem. Diese natürlichen Phänomene sind heute so einfach zu unterdrücken in unserer Zerstörung, so einfach zu ignorieren in einer Art Fiktion. Ich habe das Gefühl, dass dieser Klang über unserer Generation schwebt. Ich bin gierig danach, zu dieser Empfindsamkeit zurückzukehren, zu diesem feinfühligen Zustand, den schönen Dingen im Leben mehr Aufmerksamkeit zu schenken und den Gefühlen zu erlauben mich zu überschwemmen. Um wieder sanft zu werden, wie Wasser. Klanglich sind die Songs wundersam skurril und luftig leicht wie meine bisherigen Arbeiten, aber mit dramatischeren Progressionen und orchestralem Gesang. Irgendwie bleiben sie weich und fließend, dennoch kraftvoll, wie Wasser und seine Bewegungen.

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Du hast einmal gesagt, dass du kontinuierlich neue Songs produzierst und es nicht magst, diese zurückzuhalten, um sie unter dem Dach von einem Album zu veröffentlichen. Was sind deine Gefühle im Bezug auf die Veröffentlichung des neuen Albums?

Es ist lustig, dass du mich das fragst, weil ich sehr mit diesem Konzept und dem Album gekämpft habe. Einige der Songs sind von vor ein, zwei Jahren. Ich mag sie nicht mehr. All diese Emotionen befassen sich mit alten Gefühlen, die ich angehalten habe bis jetzt. Und heute möchte ich ihnen fast noch einmal neu begegnen und all diese Songs neu produzieren… aber dann würde mein Album nie rauskommen! Ich muss einfach loslassen und weitermachen. Also bin ich nun dazu bereit, es zu veröffentlichen. Und kurz danach werde ich wieder einen ganze Menge an neuen gegenwärtigen Gefühlen zu verarbeiten haben, die schnell ihren Weg aus mir raus finden werden.

Wo und wann entstehen deine Songs?

Es gibt da ein paar Situationen, in denen ich besonders inspiriert bin und Ideen aus mir rausschießen. Beim Fahrradfahren kommen mir Melodien in den Sinn und dann fange ich an zu singen und zu summen. Ich singe ständig, wenn ich auf dem Fahrrad sitze, meine Nachbarn wissen das schon. Manchmal, wenn mich etwas begeistert, will ich einfach nur nachhause rasen, um es asap aufzunehmen – dann ignoriere ich einfach alles, was um mich herum vorgeht, und trete so schnell wie es geht in die Pedale. Bei „Shepherd“ war das so ein Moment, ich saß auf dem Fahrrad und eine erste Melodie und Vokals kamen mir in den Sinn. Ein anderer Zeitpunkt, in dem ich Inspiration finde, ist, wenn ich trinke. I trinke viel. Vielleicht würde man mir sagen, ich hätte ein Problem, aber für mich funktioniert es. Ich brauche es definitiv. Ich fühle mich einfach wohler, wenn ich getrunken habe und bin mir klarer über mich selbst und meine Gedanken. Ich fühle mich dann so, also würde alles einen Sinn machen in einem größeren Kontext. In diesem Zustand kann ich die Welt besser verstehen und meine Emotionen klarer handhaben. Meine Lieblingsaufnahme-Sessions sind jene, wenn ich allein zuhause sitze, ein paar Flaschen Wein trinke und ich so richtig in diesen Flow gerate.

Wenn deine Musik die Gestalt eines Tieres hätte, welches wäre es und warum?

Wahrscheinlich ein Fetzenfisch. Das sind solche mystischen und surrealen Fische. Und die Männer tragen die Eier, nicht die Weibchen, ich denke das mach sie echt besonders.

Deine Lyrics sind pur, emotional und ehrlich. Sie erzählen spielerische Fantasien. Wenn ich deine Texte neben die Gedichte von Joseph Ringelnatz stellen würde, würde es gar nicht auffallen, stimmst du mir da zu?

Süß (lacht). Ja, du hast recht, das kann man so sagen. Es ist kein neues Konzept, aber die meiste Zeit denke ich: Weniger kann mehr sein. Besonders in der Musik. Ich finde es wunderschön, wenn jemand von meinen Songs berührt ist, weil er sich diesen Gefühlen in seinem ganz eigenen Kontext verbunden fühlt.

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Du hast einen speziellen Sound, der von einem verträumten, rohen und simplen Charakter gezeichnet ist. Was hat dich in deiner eigenen Klangart am meisten beeinflusst?

Ich sehe meine Songs als eine Art Klon meines Charakters und meiner Persönlichkeit. Wenn ich mit etwas anfange oder etwas beende, frage ich mich selbst: Ok, bin das wirklich ich? Die Antwort darauf sollte immer „ja“sein. Und manchmal gelange ich auch dahin, dass ich einen meiner Songs plötzlich hasse, aber das ist auch in Ordnung. Wir können nicht alles an uns lieben. Der Punkt ist, wir akzeptieren es als unsere eigene Gleichgültigkeit. Ansonsten finde ich eine Menge Inspiration oder anregende Ideen im Hip Hop, Motown und in der Rap-Musik. Ich denke, diese Einflüsse werden in meinem neuen Werk noch stärker zu erkennen sein.

Du bist umgeben von vielen Kanadischen Künstlern, wie Sean Nicloas Savage und Antoine93. Repräsentiert ihr zusammen einen neuen Stil in der Berliner Pop-Kultur? Habt ihr euch gegenseitig beeinflusst?

Wir funktionieren als eine sehr enge, sich unterstützende Community, also gibt es bestimmt einige Einflüsse aufeinander. Dennoch finde ich, wir haben alle eine ziemlich unterschiedliche Sound- und Stilästhetik. Die Beeinflussung findet viel mehr im Setting seinen Ausdruck oder darin, gegenwärtige Diskussionsthemen und Interessen zu teilen. Jeder hat einen ausgeprägten Wortschatz, ist lustig und ehrlich. Ich denke dieses sich fördernde Netzwerk sorgt dafür, dass wir uns alle wohler fühlen und bestärkt uns darin, wirklich wir selbst zu sein. Genau das ermöglicht uns, Musik spezifisch für jeden unserer Charaktere zu produzieren.

Dein Innenleben ist genauso farbenfroh und ehrlich wie deine äußere Erscheinung. Also lass uns über deinen eigenen Modestil reden, den du selbst Bipolar-Vintage nennst: Was bedeutet dir Mode?

Für mich zeichnet sich Mode durch einen Gemütszustand aus – es dreht sich um mood. Ich trage etwas, weil es mich in eine gute Stimmung versetzt – Farben, Muster, merkwürdige Kombinationen oder besondere Vintage-Pieces. Ich denke auch, das steckt an. Wenn ich irgendwo ein cooles Stück sehe, macht mich das glücklich oder weckt meine Neugierde auf die Person, die es trägt. Der all black Berlin-Vibe macht mich müde. Diese Stadt kann dunkel genug sein – Ich möchte nicht darauf zurückgeführt werden.

Inwiefern unterscheidet sich „Like Water“ stilistisch und thematisch von dem, was du bisher gemacht hat. Hast sich dein Sound entwickelt?

Lyrisch entfernt sich „Like Water“ nicht weit von meinen simplen, romantischen Geschichten. Aber für mich behandeln die Songs viel eher existenzielle Fragen, als dass sie einfach nur Liebeslieder sind. In Shepherd geht es darum, seinen Weg verloren zu haben und an das Konzept der Hoffnung zu glauben. Dass es etwas gibt oder jemanden, der dir helfen kann, dich aus dem Dunkeln zu leiten, bevor es zu spät ist… Swallow me up like the sea, swallow me up. and hold my body just one more time. Ein anderer Track des Albums, Wonders, handelt davon betrogen und in die Irre geführt zu werden, an etwas zu glauben, das nicht der Realität entspricht. Die Frage ist, ob es wirklich ein Fehler der anderer Person ist oder ob es doch an unserer eigenen Naivität liegt und daran, was wir in die Situation hinein projizieren. Das sind nur einige Beispiele. Und es gibt auf jeden Fall auch noch ein paar reine Liebessongs auf dem Album. Der Sound ist ein bisschen orchestraler und dunkler, beinhaltet weiterentwickelte Strukturen. Es ist immer noch lo-fi, vor allem weil ich so ungeduldig bin und schnelle Entscheidungen treffe möchte, um weitermachen zu können.

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Die meisten Songs auf deiner vorigen EP „Wasted Dawn“ handeln von der Liebe. Findest du wir leben in einer Generation, die fähig bzw. unfähig ist zu lieben?

Ich beschäftige mich sehr mit dieser Frage und bin mir noch nicht sicher, wie ich sie beantworten möchte. Ich denke unsere Generation hat eine sehr geringe Aufmerksamkeitsspanne. Sie wartet immer nur darauf bis das nächste Generations-Produkt auf den Markt kommt, und dann stoßen wir das voll funktionierende Produkt, das wir gerade besitzen, für ein neues ab. Ich denke das könnte eine gute Metapher sein für unsere Fähigkeit bzw. Unfähigkeit zu lieben.

In deinem Projekt geht es um die feine Grenzverschmelzung zwischen Fantasie und Realität. Was macht diese „Magic Island“, die du kreierst, in 2016 aus?

Diese Magic Island dreht sich ganz um tiefe, gute Gefühle und Rückhalt. Freiheit. und Liebe. Ich möchte, dass wir uns alle dort begegnen.

Gibt es Persönlichkeiten in der Popkultur, die du bewunderst oder dich inspirieren?

Mykki Blanco für „not giving a fuck“. Dasselbe mit Miley Cyrus. Young Lean und Kollegen. Sie machen mich irgendwie traurig, generell für diese Generation. Aber ich respektiere die Sad-Boys-Identität und fühle mich als wäre ich genau das traurige Mädchen, das ihre Crew braucht.

Was hörst du für Musik, wenn du nicht deine eigene machst?

Heute: smerz, vaginaboys, dvsn, max twigz, jaako eino kalevi und synd og skam. Morgen – irgendwas anderes!

Was können wir als nächstes von dir erwarten. Wird es eine Tour geben?

Ich hoffe doch! Ich rechne mit der Veröffentlichung meines neuen Albums Ende Januar, also werde ich dann auch auf Tour gehen. Im Januar spiele ich auch auf dem Eurosonic Festival und plane einen Japan-Trip für ein japanisches Label, das das Album auch in dieser Region veröffentlichen wird. Danke und tausend Küsse für deinen Support!

 Fotografie von Pablo Lauf

Von Maxi Zingel

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